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    29. Juli 2026Jochen Meyer

    Übung ist das halbe Leben. Nur kein Moos ansetzen.

    Künstliche IntelligenzDigitale SouveränitätUnternehmenskultur

    Dieser Satz stammt aus einem der bekanntesten deutschen Filmklassiker: Das Boot. Der Erste Wachoffizier wirft ihn nach einer unangekündigten Alarmübung mit einem Augenzwinkern in die Runde. Gemeint ist der alte Spruch „Ein rollender Stein setzt kein Moos an". Wer in Bewegung bleibt, bleibt wach, lernt dazu und rostet nicht ein.

    Warum erzähle ich das?

    Weil dieser Satz eines meiner persönlichen Leitmotive geworden ist. Und weil er aus meiner Sicht kaum besser in unsere aktuelle Zeit passen könnte.

    Wir erleben gerade eine Phase massiver gesellschaftlicher und technologischer Veränderungen. Europa steht vor der Herausforderung, seine digitale Unabhängigkeit neu zu definieren. Die Diskussion um digitale Souveränität, die Abhängigkeit von internationalen Technologiekonzernen und die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz zeigen eines sehr deutlich: Wir können nicht einfach in unserem bisherigen Tempo weitermachen.

    Wer hinter der Welle zurückbleibt, kann sie nicht mehr surfen

    Technologische Entwicklungen aus den USA und China zeigen eine Dynamik, die für viele europäische Unternehmen ungewohnt ist. Neue Fahrzeugplattformen aus China erreichen innerhalb von 18 Monaten Marktreife. Neue Generationen von KI-Modellen machen innerhalb weniger Monate Quantensprünge.

    Das ist beeindruckend. Manchmal sogar beängstigend. Aber vor allem ist es ein Weckruf. Denn wer hinter dieser Welle zurückbleibt, kann sie nicht mehr surfen. Wer erst reagiert, wenn eine Technologie bereits Standard geworden ist, hat häufig den entscheidenden Moment verpasst.

    Dabei geht es nicht darum, jede neue Technologie sofort einzusetzen oder jedem Hype hinterherzulaufen. Es geht darum, neugierig zu bleiben. Auszuprobieren. Erfahrungen zu sammeln. Chancen und Risiken aus erster Hand zu verstehen. Genau deshalb ist „Nur kein Moos ansetzen" für mich und mein Team ein wichtiger Treiber.

    Spielen, ausprobieren, scheitern und daraus lernen

    Wir betrachten neue Technologien nicht nur theoretisch, sondern arbeiten praktisch damit, um zu lernen. Unser Motto dabei lautet: fail often, retry always, learn fast.

    Gerade bei künstlicher Intelligenz ist das entscheidend. Eine Aufgabe, die eine KI heute nur mittelmäßig löst, kann in wenigen Monaten plötzlich hervorragend funktionieren. Deshalb lohnt es sich, Dinge erneut auszuprobieren. Einfach nochmal machen, könnte ja gut werden. Vielleicht in drei Monaten. Vielleicht mit einem besseren Modell. Vielleicht mit einer anderen Herangehensweise. Denn Technologie entwickelt sich weiter – und wir müssen es auch tun.

    Wie KI die tägliche Arbeit bei mediaBEAM ändert

    Noch vor wenigen Monaten haben wir KI vor allem genutzt, um kleinere Code-Schnipsel bewerten, optimieren oder neu schreiben zu lassen. Heute sieht die Realität komplett anders aus. Unsere persönliche KI kennt inzwischen große Teile unseres Client-Sourcecodes sowie unsere APIs. Wir konnten bereits komplette Module mit Unterstützung der KI entwickeln lassen.

    Der Input:

    • Wireframes
    • API- und Funktionsbeschreibungen
    • Fehlerbehandlungsroutinen
    • Daten- und ER-Modelle

    Der Output:

    • Ein zu rund 80 Prozent fertiges Modul.

    Natürlich ersetzt das nicht unsere Entwicklerinnen und Entwickler. Aber es verändert die Geschwindigkeit, mit der wir arbeiten können. Nach dem Pareto-Prinzip verkürzen wir damit die Entwicklungszeit neuer Features teilweise um rund 50 Prozent. Für uns fühlt sich das tatsächlich ein wenig wie China Speed an. Und genau darum geht es: Nicht darum, Menschen durch KI zu ersetzen. Sondern darum, Entwickler mit KI deutlich leistungsfähiger zu machen.

    KI ist unser Wingman – nicht unser Pilot

    Auch im Bereich DevOps ist KI inzwischen ein fester Bestandteil unserer Arbeit. Netzwerkkonfigurationen, Performance-Optimierungen, Deployment-Prozesse oder die Analyse komplexer technischer Zusammenhänge – vieles davon wäre ohne unseren „Wingman" heute deutlich aufwendiger. Aber es gibt klare Regeln.

    Kein Mitarbeiter und keine Mitarbeiterin arbeitet ohne Leitplanken mit KI. Wir nutzen ausschließlich professionelle Werkzeuge, bei denen klar geregelt ist, was mit unseren Daten passiert. Vertrauliche Informationen gehören nicht in beliebige öffentliche Systeme. Und eine Regel ist besonders wichtig:

    Copy & Paste ist verboten

    Denn nur wenn ich verstehe, was die KI erzeugt hat, kann ich aus dem Ergebnis hinzulernen. KI ist für uns Ideengeber, Alltagshelfer, Sparringspartner, Beschleuniger. Aber KI ist niemals Entscheider, Ersatz für Erfahrung, Ersatz für Bauchgefühl oder Ersatz für Verantwortung. Impulse geben: ja. Entscheidungen treffen: nope.

    Auch mit 57 gilt für mich persönlich: Bewegung hält jung

    „Nur kein Moos ansetzen" gilt übrigens nicht nur für Technologie oder Unternehmen. Es gilt auch für mich persönlich. Mit 57 Jahren könnte ich sicherlich darüber nachdenken, Dinge ruhiger angehen zu lassen. Weniger Neues auszuprobieren. Einen Gang zurückschalten. Aber genau das Gegenteil ist der Fall.

    Die aktuellen Entwicklungen machen mich neugieriger und motivierter als in den vergangenen Jahren. Ich habe mehr Lust, mehr Hunger und mehr Entdeckerfreude als je zuvor in meiner Karriere. Denn was gerade passiert, erinnert mich an meinen persönlichen C64-Moment. Damals, als Computer plötzlich für viele Menschen zugänglich wurden, entstand dieses Gefühl: Hier passiert etwas völlig Neues. Eine ganze Generation hat gelernt, anders zu denken und neue Möglichkeiten zu entdecken. Genau dieses Gefühl habe ich heute wieder.

    Künstliche Intelligenz, digitale Souveränität und die technologische Neuordnung der Welt sind keine Entwicklungen, die irgendwann kommen werden. Sie sind bereits da. Und wir haben die Wahl: Wir können zuschauen, wie andere die Zukunft gestalten oder wir können selbst anfangen, sie mitzugestalten. Mein persönlicher Weg ist klar!

    Nur kein Moos ansetzen.